Homosexuell auf dem Dorf
Homosexuell auf dem Dorf? Geht das denn? Und ob das geht! Bei mir hat es lange gedauert, bis ich mir klar darüber wurde, dass ich schwul bin. Aber seitdem ich das für mich akzeptiert habe, gehe ich damit auch offen um. Und beim Bäcker werde ich genauso bedient, wie zu der Zeit, als ich noch eine Freundin hatte. Auch wenn die Bäckereifachverkäuferin erst einmal geschluckt hat, als ihre Kegelschwester ihr erzählte, dass ihr ältester Sohn, also ich, Männer liebt. Ich weiß natürlich nicht, ob hinter vorgehaltener Hand über mich geredet wird, habe aber nichts dagegen, wenn das so ist. Schließlich bin auch ich selbst immer für Dorftratsch und die neuesten Lästereien zu haben.
Etwas Angst hatte ich anfangs aber schon. In unserem Dorf gibt es nämlich durchaus Feindseligkeiten gegen Schwule. So wurde das Schild unserer Imbissbude beschmiert und der Besuch derselben von einigen Dörflern aus Protest eingestellt, als sich herausstellte, dass der damalige Inhaber schwul war. Die Reaktionen, die meine Familie und ich bekommen, sind jedoch bisher immer wohl wollend. Meine Freunde sind meine Freunde geblieben, meine Familie steht hinter mir. Vielleicht durch die positiven Erfahrungen, die ich gemacht habe, beeinflusst, haben auch mein bester Freund und eine weitere gute Freundin sich zu ihrer Homosexualität bekannt. Und ganz gegen den Trend wohnen wir alle noch in unserem Dorf.
Als mein bester Freund seinen Lebenspartner das erste Mal mit auf Schützenfest brachte (für die, die das nicht kennen: In meiner Heimat Ostwestfalen das größte und wichtigste, da oft auch einzigste kulturelle Ereignis im Dorf), stellte sich dieser überall gleich als dessen zukünftigen Ehemann vor. Mit einem interessierten Schützen unterhielt er sich jedoch über sein Schwulsein, ohne ihm zu unterbreiten, wer sein Freund ist. Gebannt lauschte der Schütze den Berichten des scheinbaren Exoten über den Streit mit seinem Freund, ob der Hund oder dann doch das Kind in den Kombi soll und wer von den beiden dann die Familienkutsche fahren würde (und dazu muss ich sagen, dass diese Überlegungen der beiden durchaus ernst gemeint sind). Als der Exot dann aber dem Schützen über die Schulter wies, mit den Worten: "Und das ist mein Freund", rief der Schütze mit großen Augen: "Das ist ja einer aus unserem Dorf!" Klar, woanders gibt es das, aber so hautnah? Öfter als man denkt. Wir haben uns jedenfalls noch köstlich über das dumme Gesicht amüsiert, allerdings gemeinsam mit dem peinlich berührten Schützen.
Irgendwann wird sich mein Dorf auch mit einem schwulen Schützenkönig abfinden müssen, denn ich will unsere Familientradition ganz im Sinne von Glaube, Sitte und Heimat weiterführen. Mein Vater unterstützt mich dabei, aber ein wenig Unsicherheit schwingt bei ihm immer noch mit, denn eine der wichtigsten Fragen für ihn war, ob ich denn dann auch eine Schützenkönigin haben werde... Zu seiner Erleichterung konnte ich ihn beruhigen, denn Männer im Ballkleid finde auch ich nicht besonders ästhetisch.